DIE ANFÄNGE DER PRIVATEN KUNSTGALERIEN IN LINZ

(Dir. Dr. Georg Wacha, als Vorwort zur Publikation zum 50. Geburtstag Kliemsteins, Hofkabinett, 1984.)


Zu einer Zeit, in der jede Bank, jedes Einrichtungshaus, viele Großmärkte Kunstausstellungen veranstalten, scheint es kaum mehr vorstellbar, wie diese Verhältnisse sich vor rund dreißig Jahren gestaltet hatten. Mit der neugegründeten Kunstschule der Stadt Linz waren zu den Studenten der Bundesgewerbeschule noch viele künstlerisch interessierte Kräfte hinzugekommen, die oft von dieser Neugründung angezogen ihren Weg in die junge, erst ihr Profil findende Industriestadt an der Donau gesucht hatten.

 

Die Anfänge der privaten Kunstgalerien gingen auf vier junge Künstler zurück, die im Schabledergut auf dem Pöstlingberg gewohnt hatten und im Juli 1958 zum ersten Mal in Räumen in der Ottensheimer Straße 16 als Künstlergruppe Schableder ihre Werke ausstellten. Es waren die Bildhauer Josef Fischnaller und Erich Ruprechter, der Maler Engelbert Kliemstein und der Grafiker Otto Bejvl.

 

Als Herbert Lange, Kulturredakteur bei den Oberösterreichischen Nachrichten, mit dem Artikel "Die Schableder-Gruppe ist auf der Welt" darauf hinwies (5.Juli 1958), da wurden noch nicht alle Namen richtig geschrieben, aber doch die Anliegen der jungen ambitionierten Leute richtig gewürdigt. Und langsam kristallisierte sich eine Künstlergruppe heraus, die mit Ausstellungen über verschiedene Themen, gefördert von Lehrkräften an der Bundesgewerbeschule (Karl Stark), vom Landesmuseum (Direktor Dr. Wilhelm Jenny) und von Magistratsdirektor DDr. Egon Oberhuber ihre Ausstellungen veranstaltete. Engelbert Kliemstein stellte sein persönliches Schaffen zurück und widmete sich der Organisationstätigkeit, nicht zu Unrecht trug daher die Galerie ab April 1959 seinen Namen. Mit Egon Hofmann verschloss sich auch einer der alten, aber immer dem Neuen aufgeschlossenen Künstler diesen jungen Kräften nicht, auch der Textilkünstler Franz Öhner war unter den Ausstellenden. Aber sonst traten dabei junge Künstler erstmals an die Öffentlichkeit, die später ihren Weg machten: Peter Kubovsky, Josef Häupl, der nach Kliemsteins Tod zum Vierten der Künstlergruppe aufgerückt war, Elfriede Trautner. Dichterlesungen fanden statt, Wilhelm Koller organisierte eine eindrucksvolle Theateraufführung von Ionescos "Nachhilfestunde" (März und Mai 1960), eine eigene Zeitschrift ("Der Schlüssel") wurde im November 1960 herausgegeben.

 

Ein neuer Ausstellungsort war von der rührigen Künstlergruppe ausfindig gemacht worden: Die Tanzschulräume im Hinterhof Landstraße 21, bevor dort die alten Bauten dem neuen Großkaufhaus Platz machen mussten. Die am 8. April 1960 von mir eröffnete große Ausstellung Erich Ruprechters mit farbkräftigen Landschaften, Stilleben und auch Aktbildern in Form von Triptychen, "Märchenbildern für Erwachsene", Studienbildern usw. erregte Anstoss. "Das Erkannte wird jeweils klar und zwingend formuliert und ohne falsche Rücksichten mitgeteilt", sagt Kliemstein in dem Miniatur-Katalog. Auf eine Anzeige hin beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft zwölf Bilder, der Pornographie-Prozess vor dem Landesgericht ging 1961 nach Freispruch von Ruprechter und Kliemstein noch in die zweite Instanz, 1962 wurde Ruprechter verurteilt, die Bilder wurden für verfallen erklärt.

 

Wie belastend ein derartiges Vorgehen für einen sensiblen Künstler war! Für Monate verkroch sich der Maler in der Einsamkeit seiner steirischen Heimat, eine Ausstellung in der (nach einer Häupl-Ausstellung auf der Landstraße) wieder in der Ottensheimer Straße tätigen Galerie Kliemstein im März 1961 brachte Ruprechter nur lobende Kritiken. Auch die Werke Ernst Reischenböcks, auf Blitzbesuch in Linz präsentiert, wurden allseits anerkannt. Schade, dass der Nachlaß dieses fähigen Künstlers nicht für Linz gesichert werden konnte.

 

Der plötzliche Tod von Engelbert Kliemstein bei einem tragischen Autounfall ( 2. 7. 1961) schien diese schönen Anfänge zu zerstören. Aber es findet sich in der Person von Otto Bejvl ein Nachfolger. Nicht so sehr die ruhige Stetigkeit des genau sein Ziel anvisierenden Kliemstein zeichnete ihn aus, sondern der Geschäftssinn des Organisators, der sich zum erfolgreichen Kunsthändler entwickelte.

 

Die Räume in der Ottensheimer Straße stehen nicht mehr zur Verfügung, auf Wunsch der Familie muss die bisherige Bezeichnung geändert werden. Noch 1961 beginnt die Galerie unter dem Namen Otto Bejvls in der Badgasse 7 mit einer Gedächtnisausstellung für Engelbert Kliemstein, schon im Jahr 1962 erscheinen Namen, die weiterhin mit Bejvl verbunden bleiben: Werner Augustiner, Erich Wulz, Auguste Kronheim. Egon Hofmann entzieht auch Bejvl nicht seine Anteilnahme, Wilhelm Traeger stellt dort aus, auch Margret Bilger, Ernst Pader, Robert Angerhofer u. a. Die stärkere Kommerzialisierung schafft Zündstoff beim Zusammenwirken mit den Künstlern, eine von Ruprechter organisierte Brücke nach Graz zu Rudolf Szyszkovitz und anderen bricht wieder ab. Mit der Übernahme des Nachlasses nach Josef Neukirch hat sich Bejvl eine Basis für den immer mehr anschwellenden Kunsthandel geschaffen, er versteht es, Sammler von junger Kunst um sich zu scharen und baut 1966 in der Hofgasse 10 eine private Galerie auf, die durch Ausstellungen und auch durch Publikationen weit über Linz hinaus Anerkennung findet. Noch im Jahre 1981 veröffentlicht er sowohl über Erich Wulz als auch über Egon Hofmann eine Publikation ihrer Holzschnitte, bleibt aber dann auf eigenen Wunsch im letzten Stadium der Krebserkrankung in häuslicher Pflege bis zu seinem Tod am 10. Juni 1981.

 

Verfolgt man die Entwicklung der Linzer Galerien im Rückblick, dann  stellt sich eine Wellenbewegung dar, bei der immer wieder eine der Galerien als "in" galt, bei der immer wieder ein anderer Platz Bedeutung für das Kunstleben der neuen Metropole an der Donau gewann. Dies war etwa eine Zeit lang die Galerie Kontakt, die sich der Förderung von seiten eines Industriebetriebes erfreuen konnte, es war dann ab 1973 das Nordico, das mit einem intensiven Ausstellungsbetrieb verschiedenster Sparten neben die Neue Galerie der Stadt Linz getreten war, wo auf hoher Ebene schon seit den Zeiten Walter Kastens die Schlachten für die Anerkennung der Moderne in Linz geschlagen worden waren.

 

Es ist hier nicht der Ort, all die Namen der Galerien und der Künstler aufzuzählen. Ein Verzeichnis der Linzer Ausstellungen der Jahre 1945 bis 1980 liegt vor. Aber bedacht sollte dabei werden, dass von der jungen Künstlergruppe Schableder nicht nur ein Anstoß auf dem Gebiet der modernen Plastik, Malerei und Grafik, sondern auch der Anfang des Galeriewesens in Linz ausgegangen ist: von Schableder über Kliemstein und Bejvl zu Fischnaller, Feichtinger, Eder, Lehner, Riha, HoffeIner, Figl und vielen anderen.

 

Georg Wacha

 

Hinweise:

Herbert Lange, Engelbert Kliemstein zum Gedächtnis (mit dem Verzeichnis aller Ausstellungen "Galerie Schableder" und "Galerie Kliemstein" 1958 bis 1961), in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1962, Wien-München 1962, S.65-76.

 

Johann Maislinger, Otto Bejvl (geboren am 20. August 1933, gestorben am 10. Juni 1981). Zum Gedenken an den Linzer Kunsthändler (mit einem Verzeichnis der Ausstellungen in der Galerie Bejvl 1961-1981), Kunst-Jahrbuch der Stadt Linz 1982, Wien und Wien-München 1982, S. 96-107.

 

(Eva Bannen-Oberhuber), Linzer Ausstellungen 1945-1980 (Städtische Kulturchronik, Sonderband, hg. von Gerold Maar und Georg Wacha), Linz 1985, 324 Seiten.